Jeder Mensch spricht durchschnittlich 16.000 Wörter am Tag – stell dir vor, auf einmal hättest du nur noch 100 zur Verfügung…..

„Vox“ von Christina Dalcher zeichnet diese erschreckende Dystopie die in den letzten Wochen bereits ziemlich polarisiert hat.

Inhalt / Klappentext

In einer Welt, in der Frauen nur hundert Wörter am Tag sprechen dürfen, bricht eine das Gesetz. Das provozierende Überraschungsdebüt aus den USA, über das niemand schweigen wird!

Als die neue Regierung anordnet, dass Frauen ab sofort nicht mehr als hundert Wörter am Tag sprechen dürfen, will Jean McClellan diese wahnwitzige Nachricht nicht wahrhaben – das kann nicht passieren. Nicht im 21. Jahrhundert. Nicht in Amerika. Nicht ihr.

Das ist der Anfang. Schon bald kann Jean ihren Beruf als Wissenschaftlerin nicht länger ausüben. Schon bald wird ihrer Tochter Sonia in der Schule nicht länger Lesen und Schreiben beigebracht. Sie und alle Mädchen und Frauen werden ihres Stimmrechts, ihres Lebensmuts, ihrer Träume beraubt.

Aber das ist nicht das Ende. Für Sonia und alle entmündigten Frauen will Jean sich ihre Stimme zurückerkämpfen.

Meine Meinung

Bereits im Vorfeld war im Internet viel über „Vox“ zu lesen. Durch die, teils sehr kritischen, Stimmen habe ich zunächst gezögert, das Buch zu lesen. Rückblickend bin ich aber froh, mich dafür entschieden zu haben.

Die Geschichte spielt im Amerika der nahen Zukunft. Die christlich-fundamentalistischen Strömungen des „Bible Belts“ haben sich weiter ausgebreitet. Reverend Carl Corbin, engster Berater des Präsidenten, hat einen Schuldigen an den gesellschaftlichen Missständen ausgemacht: die Frauen!

Daraufhin erhalten alle Frauen und Mädchen ein elektronisches Überwachungsarmband. Es sorgt dafür, dass nicht mehr als 100 Worte täglich gesprochen werden. Spricht eine Frau mehr, erhält sie einen elektronischen Schlag, der mit jedem weiteren Wort an Stärke zunimmt. Auch Gesten, Schreiben  und alle Arten der nonverbalen Kommunikation sind Frauen ab sofort verboten. Gleichzeitig müssen sie auch ihre Berufstätigkeit aufgeben und sind fortan für „Haus und Hof“ zuständig.

Klingt erst einmal ziemlich skurril und sehr weit hergeholt. So, wie Christina Dalcher die Geschichte aber erzählt, wird das Szenario jedoch erschreckend real.

Die vielen kleinen, unterschwelligen Änderungen und Anpassungen führen zu  großen und weitreichenden gesellschaftlichen Veränderungen. Es ist unheimlich und irgendwie auch hyper-realistisch.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Wissenschaftlerin Jean und ihre Familie. Ihr Mann Patrick arbeitet für den Präsidenten, ihre Kinder (3 Söhne und eine Tochter) sind in der Schule. Jeans Forschungsgebiet ist das „Wernicke Aphasie“ . Ein Unfall einer regierungsnahen Person scheint Jeans Chance zu sein, wieder in den Beruf zurückzukehren und ihre Sprache zurückzuerhalten – nutzt Jean ihre Chance und hat der Widerstand die Möglichkeit die Diktatur aufzuhalten?

Vox war ursprünglich als Kurzgeschichte angelegt und erst im nachhinein wurde ein Roman daraus. Das merkt man dem Buch leider auch ein wenig an. Es lässt sich sehr schnell lesen, die Sprache ist einfach und auch die vielen linguistischen Fachbegriffe, welche im späteren Verlauf der Geschichte aufkommen, sind im Kontext gut zu verstehen. Das Ende des Buches ist dann aber bedauerlicherweise sehr schnell und sehr amerikanisch. Hier hatte ich irgendwie das Gefühl, die Autorin wollte möglichst schnell ihre Geschichte beenden.

Mich hat diese politische Dysopie berührt und nachdenklich gestimmt. Ich habe es nicht als feministisches Buch empfunden. Es spielt hier keine Rolle, dass die Betroffenen Frauen sind, es geht um Diskriminierung allgemein. Unheimlich fand ich auch, wie selbstverständlich gerade die Kinder diese „Neuerungen“ angenommen haben. Besonders erschreckend ist, dass sich das ganze sehr realistisch liest. Wir sind hier in Deutschland gerade durch unsere Vergangenheit sensibilisiert und ich fühlte mich an vielen Stellen des Buches in dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte zurückversetzt.

Fazit

Mir hat das Buch gut gefallen, es ist keine große Literatur, muss es meines Erachtens auch nicht sein. Ich habe dieses Buch mit keiner großen Erwartungshaltung gelesen und vielleicht war ich auch deshalb positiv überrascht.

Gerade bei diesem Thema (Diskriminierung) ist es wichtig, dass man Menschen erreicht, die ansonsten eventuell nicht so viel  Lesen und diese Zielgruppe erreicht man mit anspruchsvoller Literatur so leicht nicht .

Weitere Rezensionen zu Vox:

Über das Buch

Folgende Links kennzeichne ich gemäß § 2 Nr. 5 TMG als Werbung.

Die Buch ist im S.Fischer Verlag erschienen, hat 395 Seiten und kostet als gebundenes Buch EUR 20,00 – Link zu Genialokal

Über die Autorin

Christina Dalcher pendelt zwischen den Südstaaten und Neapel. Die gebürtige Amerikanerin, zu deren Helden Stephen King und Carl Sagan zählen, promovierte an der Georgetown University in Theoretischer Linguistik und forschte über Sprache und Sprachverlust. Ihre Kurzgeschichten und Flash Fiction erschienen weltweit in Magazinen und Zeitschriften, u.a. wurde sie für den Pushcart Prize nominiert. »Vox« ist ihr Debütroman. (Quelle S.Fischer Verlag)

Hier noch der Link zu einem interessanten Interview mit Christina Dalcher

3 Comments

  1. Hallo Vera,

    vielen lieben Dank fürs Verlinken!
    Dieses Buch zeigt ganz eindeutig, wie unterschiedlich Geschichten wahrgenommen werden. Denn ich kenne kaum andere Bücher, bei denen die Bewertungen derart unterschiedlich ausfallen. Schon alleine deswegen lohnt sich das Lesen des Buches :-), finde ich.
    Liebe Grüße dir und toi, toi, toi für den BuBla!

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